Psychiatrisierte Kindheiten
die Innsbrucker Kinderbeobachtungsstation von Maria Nowak-Vogl, 1954-1987
Gespeichert in:
Verfasser / Beitragende:
Elisabeth Dietrich-Daum, Michaela Ralser, Dirk Rupnow (Hg.)
Ort, Verlag, Jahr:
Innsbruck, Wien, Bozen :
Studien Verlag,
2020
Beschreibung:
551 Seiten : Illustrationen ; 234 x 156 cm
Format:
Buch
Online Zugang:
Bände/Inhalt:
- Einleitung / Elisabeth Dietrich-Daum, Michaela Ralser, Dirk Rupnow - 1. Heilpädagogische Landschaften. Die epochale Gründungswelle von Kinderbeobachtungen im Österreich der langen 1950er Jahre / Michaela Ralser - Das Panorama der heilpädagogischen Beobachtungsstationen Österreichs im Überblick / Ina Friedmann, Christine Hartig, Friedrich Stepanek - 2. Historisches Erbe. Die Vorgeschichte der Kinderbeobachtungsstation in der NS-Zeit und in den unmittelbaren Nachkriegsjahren / Friedrich Stepanek - 3. Die Kinderbeobachtung eine kurze Institutionengeschichte. Die Station und ihre Standorte - Die Station und ihre langjährigen Leitungspersonen / Michaela Ralser, Elisabeth Dietrich-Daum - 4. Die Kinder der Kinderbeobachtungsstation. Aufnahmen, Alter und Geschlecht, soziale und regionale Herkunft / Elisabeth Dietrich-Daum, Ina Friedmann, Michaela Ralser - 5. Die Akteure der Zuweisung. Eltern, Pflegeeltern, Heime, Arztinnen und Ärzte, Schulen und Behörden / Elisabeth Dietrich-Daum, Ina Friedmann, Michaela Ralser - 6. Auf der Station. Tagesablaufe und Hausordnung, Beobachtung und Diagnosestellung, Behandlung und Medikation / Elisabeth Dietrich-Daum, Ina Friedmann, Michaela Ralser - 7. Epiphysan. Dimension der Verabreichung, diagnostische Begründung, Anwendungsraume und Anwendungsstopp / Ina Friedmann - 8. Sittlichkeit-Klasse-Geschlecht. Diskurse über Sexualität, Jugend und Moral in den Nachkriegsjahrzehnten / Alexandra Weiss - 9. Die Gutachten. Funktion und Verwendungskontext, Fokus und Wirkmacht / Elisabeth Dietrich-Daum, Ina Friedmann, Michaela Ralser - 10. Entlassung. Entlassungsprozedere, Fluchten und drei Todesfälle, Aufenthaltsdauer und "Nachsorge" / Elisabeth Dietrich-Daum, Ina Friedmann, Michaela Ralser - 11. Narrative Rekonstruktion. Die Innsbrucker Kinderbeobachtungsstation in Interviews mit ehemaligen Patientinnen / Christine Hartig - Nachwort / Dirk Rupnow
- Es sind Tausende Kinder, die von den 1950er Jahren an bis in die späten 1980er Jahre an die Innsbrucker Kinderbeobachtungsstation gelangten. 3.500 als erziehungsschwierig und verhaltensauffällig geltende Kinder - vorwiegend aus Tirol, Vorarlberg und Südtirol - wurden von den Jugendämtern, den Heimen und Schulen, aber auch von Eltern und Pflegeeltern an die psychiatrische Station gebracht. Über mehrere Wochen bis Monate mussten sie sich in der geschlossen geführten Station aufhalten: zum Zweck der Beobachtung, Behandlung und Begutachtung. Betroffen waren vor allem Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen in die Aufmerksamkeit der Kinder- und Jugendwohlfahrt geraten waren, darunter überwiegend Kinder aus sozial benachteiligten Haushalten. Aber auch bildungsbürgerliche Eltern vertrauten ihre Kinder zuweilen der im katholisch-wertkonservativen Nachkriegstirol höchst einflussreichen Psychiaterin und Heilpädagogin Maria Nowak-Vogl an. Ungeschützt waren sie an der Station einer gewaltvollen Straf- und Korrekturpädagogik, drastischen medizinisch-psychiatrischen Kuren wie insgesamt einer aggressiven Pathologisierung ihrer Lebens-, Gefühls- und Körperwelten ausgesetzt. Meist verließen sie die Station mit einem psychiatrisch-heilpädagogischen Gutachten, das durch sein abwertendes - einem überkommenen Diagnoseinventar entlehntes - Vokabular im geringsten Fall kränkend war, im weit häufigeren Fall ihr weiteres Leben aber maßgeblich bestimmte. Für mehr als tausend Kinder bedeutete dies, erstmals oder erneut in ein Erziehungsheim zu kommen oder anderweitig fremduntergebracht zu werden. Zahlreiche Quellen und bisher unveröffentlichte Fotos und Materialien stellen die Grundlage der empirischen Untersuchung dar, stiften neue Zusammenhänge und eröffnen unerwartete Kontextualisierungen. Die Perspektive der ZeitzeugInnen - ehemalige PatientInnen an der Kinderbeobachtungsstation - und deren Aussagen erweisen sich als substanziell für das Verständnis der Rolle der historischen Kinderpsychiatrie und Heilpädagogik in der Region und darüber hinaus. Ihnen kommt das letzte Wort in diesem Buch zu.